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Tortuguero – Es gibt Augenblicke, die vergisst man nie!

Tortuguero ist ein kleiner Ort an der Karibikküste Costa Ricas – von der Außenwelt abgeschnitten. Man erreicht ihn ausschließlich per Boot über verzweigte Kanäle mit Mangrovenufern und vielen tierischen Bewohnern. Genau diesen Weg wählen wir auch – zunächst mit dem Bus von Puerto Viejo dann weiter mit dem Boot nach Tortuguero der Küste entgegen – ein Tagesausflug! Doch diese Anreise nehmen wir für einen ganz bestimmten Grund auf uns.

Zunächst müssen wir eine Ewigkeit auf das Boot warten. Die Bus- Boot Verdingung lässt ziemlich zu wünschen übrig. Wir sitzen in der Sonne und warten, warten, warten. Auf die Frage ob es irgendwo (hier um uns herum ist absolut nichts außer ein kleines Hafengelände) Kaffee und ein Frühstück gibt, sagt man uns „vielleicht kommt später ein Händler“. Aja ok! Vielleicht später. Nach einer weiteren Stunde kommt ein Einheimischer auf uns zu und steckt Daniel mit dem Wort „Desayuno“ – Frühstück in sein Auto. Allein mit 4 Rucksäcken habe ich große Hoffnung, dass er mit einem Frühstück bewaffnet wiederkommt. Nach vielen langen Minuten kommt das zerbeulte Auto wieder auf der Schlaglochpiste angeholpert. Kaffee – sogar einer mit Milch – in leeren Eistee- Plastikflaschen – Becher mit Deckel waren wohl grad nicht zur Hand – und ein Stück Kuchen – perfekt!! Ich frage nicht woher genau das Frühstück kommt.

Nach endlosem Warten geht es mit Vollgas in Richtung Tortuguero. Wir genießen die Fahrt und den Fahrtwind, versuchen im dichten Dschungel Tiere zu entdecken.

Plötzlich – wie aus dem Nichts – liegt es vor uns, 2-3 Meter lang, am Flussufer kaum zu erkennen, Stacheln auf dem Rücken, Zähne am Maul – ein Krokodil. Wow! Riesig .. in freier Wildbahn habe ich so ein riesiges Tier noch nicht gesehen. Die Tatsache, dass der Bootsrand keine 10 cm über der Wasseroberfläche hängt, macht das Tier nicht ungefährlicher. Aber es schläft.

Wir fahren weiter vorbei an unzähligen weißen Fischreihern, einzelnen Pelikanern, einigen Affen, die faul in den Bäumen abhängen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Boot nimmt Kurs auf das Ufer .. sind wir etwa schon da?!? Nein, ein zweites Krokodil. Nicht weniger groß als das erste aber diesmal wach! Der einheimische Bootsfahrer macht sich einen Spaß daraus und steuert genau auf das Tier zu. Langsam cm für cm  nähern wir uns dem faul in der Sonne liegenden Saurier. Ich nehme meine Finger vom Bootsrand und denke noch kurz darüber nach ob es wohl mehr zum Frühstück erwischt hat, als ich .. als es sich plötzlich aufrafft, anfängt seinen Schwanz elegant im Wasser hin und her zu bewegen .. zum Glück nicht in unsere Richtung! Es verschwindet ziemlich uninteressiert in den Mangroven.

Als wir in Tortuguero ankommen ist es bereits Nachmittag. Wir müssen dringend etwas Essen, unser Hotel suchen, die nächsten Tage organisieren und es regnet. Ziemlich mieses Wetter.

Am nächsten Morgen geht es für uns ganz früh zur Kanaltour. Mit dem Boot und einem Einheimischen, der uns mit einem Stock vorwärtsstochert, bewegen wir uns langsam durch die morgendlich dampfende Dschungellandschaft – es nieselt leise und langsam vor sich hin.

Es dauert auch nicht lange und wir werden fündig. Nein, man sollte seinen Augen nicht nur auf das Ufer konzentrieren. Über uns hoch oben in den Bäumen sitzt ein Faultier! Es ist braun mit einer Schnauze, die mehr an ein Schwein erinnert. Mit den langen Hangelarmen hält es einen Ast umklammert. Friedlich schläft es. Ein Faultier in freier Natur .. und was macht es?!? Es ist ziemlich faul, bewegt sich keinen cm.

Wir fahren in einen kleinen Seitenkanal und sind plötzlich völlig vom Dschungel umschlossen. Unser Einheimischer springt aus dem Boot und versucht im Wald einen Frosch für uns zu fangen, den wir eben noch lautstark quaken gehört haben. Laut sind die als müssten sie sämtliche Waldbewohner über unser Ankommen informieren. Nach einigen Minuten hat er den Frosch gefangen und präsentiert ihn uns stolz auf dem Holzruder sitzend. Aber das ist doch kein Frosch .. eher ein Fröschlein! Das Tierchen ist keine 2 cm groß, leuchtend rot mit vier blauen Beinchen. Die Kleinsten sind manchmal die Schönsten – daraus wird mich ziemlicher Sicherheit ein Prinz.

Nicht weit über unseren Köpfen hangeln sich Affen von rechts nach links durch die Bäume, ein Leguan liegt faul auf einem Ast – wahrscheinlich Langschläfer.

Mittlerweile hat sich das Nieseln in einen Wolkenbruch verwandelt. Wir sind nass bis auf die Knochen und das Wasser läuft uns in kleinen Bächen über das Gesicht. Tortuguero hat den höchsten Niederschlag im Jahr in ganz Costa Rica. Ähm ja, ausnahmsweise stimmen diese wagen Theorien.

Vor uns in der Linsensuppe streckt ein Krokodil seine zwei großen Augen aus dem Wasser. Sonst sieht man nichts von dem Tier – gespenstisch! Ein paar Meter weiter tut eine Flussschildkröte das Gleiche. Sie reckt ihre Nase zum Atmen aus dem Wasser. So leise ist die Natur, so leicht zu übersehen.

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Am Nachmittag – immer noch im Regen aber zumindest wieder im Nieselregen – erkunden wir den Nationalpark Tortuguero. Da wir ohnehin noch nass vom morgendlichen Ausflug sind, ist das Wetter nicht mehr so wichtig. Im Nationalpark sind Gummistiefel Pflicht und so haben unsere nassen Trekkingschuhe Pause.

Wir sind noch keine 10 Minuten gelaufen da spielen Affen in den Bäumen als würden sie dafür bezahlt werden. Eine ganze Familie führt hier ein Schauspiel auf. Hin, her, hoch und runter – dazwischen kurz lausen und einige Blätter fressen und weiter geht’s. Es ist schön Affen in freier Natur beobachten zu können, in Costa Rica so normal wie bei uns Füchse.

Wir schleichen durch den Dschungel, versuchen weitere Tiere zu entdecken. Oft ist es nicht einfach. Hier und da schreit ein Vogel aber diesen dann im Dickicht auszumachen ist fast unmöglich. An einem Baum sitzt eine kleine Schlange – fast perfekt getarnt und doch erkannt. Ich komme ihr lieber nicht zu nahe, man weiß ja nie!

Große blaue Schmetterlinge schwirren uns um die Nase und bleiben oft einfach am Wegesrand sitzen um ihre Flügel in die Sonne zu recken.

Wir finden noch einen Minisaurier. Eine kleine Echse mit einem lustigen „Kamm“ auf dem Kopf und wahnsinnig langen Zehen und Krallen. Lässig liegt sie mit ihrem dicken Bauch auf einem Ast.

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Den restlichen Nachmittag verbringen wir im Hotel. Es regnet noch immer wie in Strömen, all unsere Schuhe und Klamotten sind nass – vom Rest ganz zu Schweigen. Mein Rucksack ist einfach nur feucht – innen und außen – war der nicht als wasserdicht gekauft?!? Hinzu kommt ein netter starker Wind, Zeit sich im Bett zu verkriechen.

Tortuguero selbst ist nicht wirklich sehenswert. Hier reiht sich Restaurant an Touranbieter und der Ort ist „verseucht“ mit Touristen. Schlimm! Lustig ist dennoch die Atmosphäre. Man bewegt sich auf kleinen matschigen Wegen. Es gibt hier kein einziges Auto. Ein paar Kinder haben Fahrräder, die aber eher Lernhilfe als Fortbewegungsmittel sind. Die einzigen Motoren, die man hört, gehören zu den kleinen Schiffen die die Touristen hierher und wieder weg bringen.

Am Abend fängt es heftig an zu gewittern und noch immer regnet es. Wir haben eine lange Nacht vor uns deshalb sitzen wir im Hotel und schauen den Blitzen zu, die nun mittlerweile ohne Donner über den kompletten Himmel huschen. Wir gehen zum Strand, 20 Meter von unserem Zimmer entfernt und setzen und auf einen Baumstamm. Es ist hier stockdunkel und die Blitze erhellen das Meer als wäre es Tag. Man könnte Zeitung lesen in diesen Sekunden. Es blitzt in allen Richtungen und ist dabei totenstill. Nur das Rauschen der Wellen und der leise Regen sind zu hören.

Mitten in der Nacht geht das Abenteuer Tortuguero in eine neue Runde. Wir machen uns auf zum Strand. Mit einem Einheimischen Guide, einer Taschenlampe, immer noch nassen Klamotten und festen Schuhen an den Füssen um den Schlangen in absoluter Dunkelheit nicht zum Opfer zu fallen. Es gibt eine giftige Schlangenart, man hat jedoch 12 Stunden Zeit für das Gegengift. Sehr beruhigend, dass das Krankenhaus um 18 Uhr zu macht und keine Notaufnahme besitzt.

Als wir stolpernd am Strand ankommen und uns mühsam im fahlen Licht der Taschenlampe Schritt für Schritt vorwärts kämpfen, ist sie schon da und das Wunder hat bereits begonnen. Fotos sind natürlich zum Schutz der Tiere und auch völlig verständlicherweise verboten. Es gibt nur Fotos vom Strand aber keine vom eigentlichen Wunder. Diese Geschichte jetzt setzt also auf eure Phantasie, denn Bilder gibt es nicht – nur Worte.

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Wir stolpern also am Strand entlang in absoluter Dunkelheit. Plötzlich erscheint vor uns ein riesiges Loch – ca. 2 Meter Durchmesser. Und in dem Loch bewegt sich etwas – etwas Großes!

Ein halbrunder Panzer glänzt immer wieder im Licht der Blitze. Eine riesige Meeresschildkröte legt ihre Eier in den schwarzen, weichen Sand. Sie hat ein riesiges Loch gegraben, vielleicht 1 Meter tief und sitzt nun komplett darin. Hinten ist das Loch etwas tiefer und ein Ei nach dem anderen fällt in den schwarzen Sand. Sie strengt sich an, keucht immer wieder laut. Fast menschlich. Öfters macht sie eine Pause um dann weitere Eier in den Sand fallen zu lassen. Insgesamt ca. 100 Stück.

Doch sie ist nicht allein. Alle paar Meter legen Schildkröten an diesem Strand zu dieser Jahreszeit Eier unter hier scheinbar idealen Bedingungen. Und sie tun das nur nachts im Schutze der Dunkelheit.

Es ist stockdunkel. Noch immer blitzt es und erhellt den Strand somit alle paar Sekunden. Unser Glück, denn auch Taschenlampen sind jetzt verboten.

Nachdem sie fertig ist, fängt sie an die Eier zu vergraben. Dazu nutzt sie ihre riesigen Hinterfüsse oder besser gesagt Hinterschaufeln und schiebt immer abwechselnd Sand in die Vertiefung, in der die Eier liegen. Später muss sie auch die Vorderfüsse zum Nachschieben des Sandes bewegen, denn sie wird das komplette riesige Loch wieder verschließen. Morgen früh wird keiner mehr sehen, was hier passiert ist.

Die vom Aussterben bedrohten grünen Meeresschildkröten sind ca. 1,50 Meter lang und damit wirklich riesig!! Sie können sich an Land nur sehr schwerfällig bewegen und setzen sich beim Eier legen großem Stress aus – obwohl sie keine natürlichen Feinde haben. Vom Aussterben bedroht sind diese Tiere, weil es nur ein winziger Teil (ca. 5%) der Babyschildkröten nach dem Schlüpfen den weiten Weg bis in Meer schafft. Zuviele Feinde lauern auf die noch schutzlosen Tierchen mit weichem Panzer.

Es dauert ewig bis die Schildkrötendame fertig ist. Ein hartes Stück Arbeit für so ein großes Tier.

Ich sitze daneben im nassen, schwarzen Sand und starre wie gebannt auf dieses Wunder vor mir. Ich kann es nicht glauben und ich kann den Mund nicht schließen! Dass sie das hier vor mir tut, einfach so in dieser kalten feuchten Nacht. Dieses riesige Tier, das eigentlich ins Meer gehört. Gänsehaut!

Alles ist in diesem Moment egal, die Welt steht still, dreht sich nicht mehr um mich herum.

Im Licht der Blitze kämpft sich eine weitere riesige Schildkröte mühsam aus den großen Wellen heraus. Ein kleiner Berg kommt am Strand Schritt für Schritt auf uns zu gelaufen um ein ebenso gigantisches Loch zu graben und ein ebenso gigantisches Wunder zu vollbringen. Mir steigen die Tränen in die Augen – zu schön ist dieser Moment um ihn auch nur ansatzweise zu fassen.

Zurück zur Natur – zurück zu unserem Ursprung. Es gibt Augenblicke, die vergisst man nie!!

By Janine on Juli 10, 2013

Comments:1

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  1. Antworten Globetrotter 29.10.13

    Oh wie schöööön! 🙂 Das stimmt wohl, an solche Augenblicke erinnert man sich ewig…

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