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Managua – wo die Straßen keine Namen haben

Ein neues Land – Nicaragua .. mittlerweile sind die Länderwechsel bisschen Alltag geworden und doch erinnern uns die aufregenden und teilweise ein bisschen nervigen Grenzübertritte daran. Auch ist nach dem Überschreiten einer Grenze immer alles neu für uns. Die Menschen, das Geld, die öffentlichen Verkehrsmittel und vieles mehr. Jedes Mal eine Herausforderung – vor allem für den Kopf.

Wer unseren Plan etwas mitverfolgt wird sich nun fragen .. Nicaragua?!? JA, Planänderung – wie so oft. Nicaragua ist uns von mehreren Reisenden empfohlen worden. Landschaftlich wunderschön, sicher, kurze Transportwege und dabei wohl fast das günstigste Land in Mittelamerika. Hört sich gut an und da wir spontan sind und Nicaragua ja auch irgendwie auf dem Weg liegt, wird es kurzerhand in den Plan aufgenommen.

Wir entscheiden uns für einen internationalen Bus – in 14 Stunden von Guatemala City (Hauptstadt Guatemala) nach Managua (Hauptstadt Nicaragua). Die Überlandbusse sind nicht wirklich teuer und ziemlich bequem. Dort lässt es sich durchaus 14 Stunden aushalten und träumen oder gar schlafen während die Landschaft an uns vorbeizieht. Nicht der schlechteste Reiseweg. Um Nicaragua zu erreichen müssen wir El Salvador einmal komplett durchqueren. El Salvador scheint von Bus aus ein sehr kleines aber wunderschönes Land zu sein mit einem hohen Standard. Keine Ahnung wieso wir gerade El Salvador nicht in unseren Plan aufgenommen haben. Müssen wir vielleicht irgendwann nachholen. Aber auch ein Stück Honduras muss unser Bus passieren, da El Salvador keine Grenze zu Nicaragua hat. Honduras ist hingegen das ärmste und zugleich wohl unsicherste Land in Mittelamerika. Der Eindruck von Bus aus – es ist bereits dunkel – ist auch nicht wirklich vertrauenserweckend. Wir sehen viele arme Menschen, die auf den Straßen sitzen als wäre das ihr zu Hause. Teilweise ganze Familien. Seltsame Stimmung und wohl ein guter Grund Honduras vorerst keinen Besuch abzustatten. Vielleicht müssen wir das irgendwann nachholen 😉

Die Grenzübertritte scheinen an diesem Tag unendlich: Guatemala Ausreise, El Salvador Einreise, El Salvador Ausreise, Honduras Einreise, Honduras Ausreise, Nicaragua Einreise. Jedes Mal anhalten, warten, Papiere ausfüllen, warten, Ausweise raus, warten, Gebühr zahlen, warten usw. usw. Aus den geplanten 14 Stunden werden 17 und wir kommen ziemlich geschafft gegen 12 Uhr nachts in unserem Hotel in Managua an.

Managua ist die zweitgrößte Stadt in Mittelamerika – nach Guatemala City – mit ca. 2,1 Millionen Einwohnern. Gleich am ersten Tag fällt uns auf, dass Managua völlig anders ist als Guatemala City. Man soll Länder oder Städte eigentlich nicht miteinander vergleichen. Tatsächlich tut man das aber, wenn man die Dinge so kurz nacheinander erlebt. Wir fragen uns, wo ist die Hauptstadt?! Es gibt wenn überhaupt ein Hochhaus. Die Straßen sehen aus als wäre man in einer Kleinstadt, teilweise sogar Dorfähnlich. Alles ist grün, dazwischen Häuser, dann wieder grün. Eine schöne Hauptstadt stellen wir fest. Macht auf Anhieb einen wesentlicher gemütlicheren Eindruck. Dass wir ein Hotel mit Swimmingpool mitten in der Stadt erwischen, tut sein Übriges.

Außerdem liegt Managua an einem riesigen See, dem Managua See. Dieser sieht jedoch nur schön aus. Das Wasser des Sees ist durch die jahrelange Nutzung als Kläranlage für die ganze Stadt verseucht. Eine tickende Öko-Zeitbombe, in die kein Nicaraguaner auch nur seinen Fuß, geschweige denn den Rest seines Körpers tauchen würde.

Die erste Sehenswürdigkeit hat sich Daniel ausgesucht. 6.000 Jahre alte Fußspuren von Urzeitmenschen, die man in der Nähe des Managua- Sees gefunden hat. Man sieht verschiedene Linien mit Spuren in verschiedener Größe. Erwachsene, Kinder und auch Tierspuren. Anscheinend auf der Suche nach dem See oder auf der Flucht vor einem der vielen Vulkanausbrüche. Eigentlich ganz interessant .. aber es sind halt Fußspuren 😉

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Weiter führt uns der Stadtrundgang in die „Area Monumental“, dem Gebiet, wo im Jahre 1972 um 12.35 Uhr ein starkes Erdbeben die Stadt völlig zerstört hat. 11.000 Menschen kamen damals um Leben – 90% der Stadt wurden zerstört. Ein harter Schlag für die Hautstadt.

Wir entdecken einen großen Platz, am Ende die zerstörte Kathedrale, deren Ruinen man nicht abgerissen hat. Irgendwie erinnert der Anblick an eine Hollywood Kulisse. Die Kathedrale schaut aus als könnte sie jeden Moment in sich zusammenbrechen. Mit Gras bewachsen und gespickt von riesigen Rissen im Mauerwerk. Die Fenster zerstört, sodass man von der einen Seite rein und zur anderen Seite wieder hinausschauen kann. Nur ein Skelett. Wenn man sich die Türme näher betrachtet, fallen einem unzählige kleine Löcher auf, die fast wie Einschusslöcher aussehen. Sicher sind diese durch herumfliegende Steine entstanden. Das große Steinkreuz auf dem linken Turm ist abgeknickt. Der andere Turm hat eine Uhr, die stehen geblieben ist. Man erkennt Steinfiguren, denen Arme, Hände oder gar Köpfe fehlen. Wirklich gespenstisch schön.

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Wir schlendern über den Platz, dessen andere Seiten von modernen Gebäuden gesäumt sind – dem Nationalmuseum und dem Kulturzentrum Managuas. Der Parque Central (wie ihr seht, gibt es den in fast jeder Stadt) grenzt ebenfalls an. Ein schönes und interessantes Viertel Managuas, von dem aus man nicht mal 500 Meter bis zum Seeufer läuft. Alles scheint hier grün und ruhig – zumindest bis man zur 6- spurigen Hauptstraße zurückkehrt.

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Am zweiten Tag machen wir uns auf den Weg zum „Loma de Tiscape“, einem Berg mitten in der Stadt. Von hier aus hat mein einen wunderschönen 360 Grad Blick und erkennt einmal mehr wie grün und flach gebaut alles ist. Am Horizont der Managua- See und zum Fuße des Bergs ein kleiner Kratersee, der 40 Meter tief ist! – ebenfalls natürlich mitten in der Stadt. Wir haben sogar ein paar Sonnenstrahlen erwischt und genießen den Ausblick in Ruhe bei einer Tasse Kaffee. Die alte Kathedrale sieht man von hier aus ebenfalls eindrucksvoll vor dem am Horizont erscheinenden Managua- See.

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Die Geschichte des Bergs ist ganz interessant. Alles begann hier mit einer Festung im Jahre 1894. Ab dem Jahre 1925 wurde der Berg als Präsidentensitz – später als Gefängnis genutzt. Während der Diktatur Somozas (grauenvoll 1937-1979) wurde in den Kellern der Herrschergebäude auf dem Berg gefoltert und vergewaltigt. Die Opfer lies man jedoch an anderen Orten ermorden. Einige alte Fotografien, an der Stelle wo die alten Gebäude standen, erinnern an die Geschichte der Stadt. Natürlich ist nicht nur die Geschichte des Bergs interessant, sondern vielmehr die Geschichte von Nicaragua!

Der Weg führt uns ca. 2 Kilometer weiter durch eine etwas seltsame Gegend der Hauptstadt. Hier fallen uns zum ersten Mal junge Männer auf, die die ganze Zeit eine Plastikflasche im oder am Mund haben. Anfangs schenkt man dem keine Beachtung. Auf den Flaschen steht Coca Cola oder Fanta .. was solls?! Bei näherem Hinsehen bemerkt man aber, dass diese Flaschen immer leer sind. Des Rätsels Lösung finden wir jedoch erst später in Nicaragua ..

Ziel unserer „Stadtwanderung“ ist die neue Kathedrale. Sie wurde an komplett anderer Stelle errichtet. Um genau zu sein, hat man das ganze Stadtzentrum nach dem verheerenden Erdbeben um ca. 5 Kilometer verlegt. Die neue Kathedrale ist erdbebensicher wie „Fort Knox“ gebaut. Ein ziemlich kurioser hässlicher Betonhaufen, wie wir finden. Von den Einheimischen wird sie „Eierschachtel“ genannt und genauso sieht sie auch aus. Auf dem Dach der Kirche befinden sich nämlich 63 Betonkuppeln. Einerseits dient das der Erdbebensicheren Bauweise – Managua wird regelmäßig von Erdbeben heimgesucht – andererseits symbolisieren die Kuppeln die 63 Kirchen in der Diözese Managuas. Noch nie haben wir so eine neue moderne Kirche gesehen und ich kann euch sagen, die alten sind wesentlich authentischer!

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Für den doch recht weiten Rückweg in unser Hotel setzen wir uns lieben in ein Taxi .. manchmal siegt die Vernunft – oder zu fortgeschrittener Stunde die Faulheit 😉

Noch etwas kurioses an Managua: Wo die Straßen keine Namen haben ..

In Managua haben nur die großen Hauptstraßen Namen. Eine Herausforderung für jeden Fremden!

Wie das funktionieren kann? Auf die Frage nach dem gewünschten Ziel nennt man zunächst ein allgemein bekanntes Objekt – ein Hotel, eine Kirche, ein Kino – und die Anzahl der „cuadras“, der Blocks, die man von da aus in eine bestimmte Himmelsrichtung zu gehen hat. Beispiel: „Vom Kino „Cabrera“ aus zweieinhalb Blocks nach Süden“. Super, wenn man einen Kompass dabeihat, Hervorragend, wenn man weiß, wie das Stadtviertel heißt, nahezu unschlagbar die Kenntnis der genauen Lage eines Gebäudes, denn: In Managua gibt es auch keine Hausnummern, es sei denn, der Besitzer denkt sich eine aus. Perfide Steigerung des Touristen-Verwirrspiels: Alteingesessene Managuaner beschreiben die Wege auch schon mal anhand von vergangen Gebäuden oder Plätzen. Etwa so: zwei Blocks südlich von da, wo mal das Pepsi-Gebäude war. Wer nicht weiß, wo der amerikanische Brausehersteller seinen Sitz vor dem letzten Erdbeben hatte, wird sich eben erkundigen müssen. Ein weiteres Mal typisch Mittelamerika.

Und noch etwas Interessantes – wenn auch trauriges – möchte ich euch nicht vorenthalten:

In Nicaragua – genauer: in der Nähe der Hauptstadt Managua – liegt La Chureca, die größte Müllhalde Zentralamerikas. Sie umfasst ca. 420 Hektar und ist Arbeitsgebiet von mehr als 1.700 Menschen, von denen mindestens 80 % Minderjährige sind. Es leben ca. 280 Familien mit durchschnittlich sechs Familienmitgliedern auf dem Gelände von La Chureca. Weitere hunderte kommen täglich, um sich dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Öl und Gas werden von Versorgungsfirmen aufgrund von technischen Problemen und Korruption teilweise den ganzen Tag abgestellt. Ausreichende Hygiene ist bei einem Leben auf einer Müllhalde nicht vorhanden. Durch die schlechte Ernährung mit verschimmeltem Essen ist das Krebsrisiko sehr hoch. Rückstände von Blei und Quecksilber im Blut sind eine weitere Auswirkung des schlechten Essens. Viele Leute ernähren sich zusätzlich noch von im Managuasee gefangenen Fisch, der auf Grund der starken Wasserverschmutzung gesundheitsschädlich ist. In den Sommermonaten (von Dezember bis April) werden riesige Mengen von Müll unter freiem Himmel verbrannt. Man nutzt hier die regenfreie Zeit, um sich des Mülls auf diese Art und Weise zu entledigen. Dies hat aber wiederum große Luftverschmutzung zur Folge. Für La Chureca ist die Stadtverwaltung Managuas nicht zuständig. Dieser Verwaltungsbezirk hat mehr als 1,3 Millionen Einwohner, wodurch eine dementsprechend große Menge an Müll (ca. 82 Tonnen pro Tag) anfällt. Um diesen zu beseitigen, fahren täglich von 9:00 bis 18:00 Uhr hunderte von Müllwagen auf das Gelände von La Chureca, um den Müll dort abzuliefern. Viele kommen auch mit Pick-ups oder Lastwägen und laden ihren Müll privat ab. Recycling gibt es in Managua von offizieller Seite nicht. Am 3. März 2008 begannen die Bewohner von La Chureca einen Streik. Sie wollten sich gegen das Verhalten der Lastwagenfahrer wehren, welches ihre Situation noch verschlechtert hatte. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine feste Ordnung, die besagte, wo genau die Müllwagen den Müll abladen sollen. So wurden teilweise große Mengen direkt vor den Hütten der dort wohnenden Menschen abgeladen und von fahrenden LKWs Müll abgeworfen, wobei es sich mitunter um harte Gegenstände handelte. Die LKWs fuhren mit hohen Geschwindigkeiten, was besonders in Bezug auf den großen Anteil der dort ansässigen Kinder gefährlich erscheint. Die für die Stadtverwaltung arbeitenden Müllmänner beanspruchten für sich jegliche Materialien, die wiederverkauft werden können, wie Kupfer, Zink, Aluminium und Papier. Plastikflaschen kann man zurzeit zum Kilopreis von vier Córdobas verkaufen, das sind etwa 30 Flaschen zum Preis von umgerechnet 0,14 €, was in Nicaragua nicht viel ist (zum Vergleich: Bohnen, das Haupternährungsmittel der Nicaraguaner, kosten zurzeit 17 Córdobas das Pfund). Aus Protest blockierten die Müllmenschen von La Chureca am 3. März 2008 alle Zufahrten zum Areal, sodass kein Lastwagen mehr auf das Gebiet kommen konnte. Dies führte zu einem vollkommenen Chaos in der ganzen Stadt. Die direkten Folgen waren eine starke Verschmutzung der Straßen, die direkt zur Müllhalde führen. Viele LKW-Ladungen wurden vor den offiziellen Eingängen der Müllhalde illegal abgeladen oder brachten den Müll in andere Gebiete. Am 7. März wurde ein Abkommen unterzeichnet, welches festlegt, dass die für die Stadt arbeitenden Müllmänner den Müll nicht mehr für sich beanspruchen dürfen. Dieser darf nun ausschließlich von den Arbeitern der Chureca genützt werden. Jedoch wurde dieser Vertrag von der Mehrheit der Churcequeros (den Leuten, die in La Chureca leben) bisher nicht anerkannt. Sie argumentieren, dass die Personen, die diesen Vertrag ausgehandelt haben, nicht aus ihrer Gemeinschaft stammen. Sie versuchen weiterhin, die Müllablagerung zu verhindern.

Einen kleinen Einblick in die aktuellen Probleme und das Schicksal der Menschen in Nicaragua.

By Janine on Juni 7, 2013

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